Der 119./ 67. Monat – Klassenfahrt

Zum Ende der vierten Klasse veranstaltet Sarah Sophies Schule stets eine Klassenfahrt als Abschied zum Ende der Grundschulzeit. Zu Beginn des letzten Elternabend heißt es noch „Eventuell“, „Möglicherweise“, „Wir versuchen es“. Und im April trudelt uns dann die endgültige Absage ins Haus. Coronabedingt findet sie nicht statt. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, Dich jemals so traurig und niedergeschlagen gesehen zu haben. Du hast Dich so sehr darauf gefreut und das kann ich absolut nachvollziehen.

Es muss also Abhilfe her und ich frage mal vorsichtig in der Eltern-WhatsApp-Gruppe nach wie die anderen Eltern denn das so sehen und schlage vor hier schulunabhängig tätig zu werden. Die Antworten fallen genauso schnell wie nahezu einstimmig aus. In weniger als zehn Minuten sind Zweidrittel dafür. Im nächsten Schritt geht es um Termin und Ort. Ein Wochenende vor den Sommerferien scheint vielen Eltern, einschließlich mir, sinnvoll. Aber wir sind ja an einer jüdischen Schule und da sind Wochenenden mitunter problematisch. Stichwort Shabbat, aber dazu später mehr. In einer „Drei-Daumenscrolllängen“ dauernden Diskussion einigt man sich ganz pragmatisch darauf, daß Kerzen entzünden überall möglich ist und sich die orthodoxen Familien ja ohnehin überhaupt nicht gemeldet haben, man also hier möglicherweise ein Problem lösen will, was überhaupt nicht existiert.

Wir kommen voran. Ich schlage ein Wochenende in dem uns bestens bekannten Ferienpark am Leukermeer vor, da hier genug Aktivitäten möglich sind um eine solche Truppe ausreichend zu beschäftigen. Es kommen noch einige alternative Vorschläge, aber nach ein paar Tagen ist die Sache rund und der Termin wird uns schlicht durch die Verfügbarkeit ausreichend zusammenhängender Plätze abgenommen. Beschlossen und gebucht: Am letzten Wochenende vor den Sommerferien findet die alternative Klassenfahrt statt. Ich reserviere die Plätze und sammle das Geld bei den anderen Eltern ein. Da wir derzeit noch April haben passiert erstmal nichts weiter, denn bis zum 25. Juni ist es ja noch etwas Zeit.

Die erste Aufregung folgt dann irgendwann im Mai. Die Niederlande werden Hochinzidenzgebiet, eine Bundeseinreiseverordnung setzt die Nordrhein-Westfälische Insellösung – eine Quarantäne durch einen negativen Test zu umgehen – außer Kraft und die Elternschaft ist in heller Aufregung. Da die ganze Nummer selbstverständlich in der Schule längst die Runde gemacht hat, entfällt die Variante ein Mäntelchen des Schweigens über die ganze Aktion zu hüllen. Fakt ist – Stand Mai – müssten alle Kinder, nach Rückkehr in Quarantäne und wir hätten ein Problem. Aber auch dafür findet sich in der Elternschaft eine kreative Lösung. Samstags zum Eisessen kurzfristig zurück nach Deutschland und schon wären alle nur noch unter 24 Stunden in Holland, oder anders ausgedrückt: Quarantäne passé.

Drei Wochen später ist alles wieder gut. Holland ist „nur“ noch Risikogebiet und das Eis kann in Holland gegessen werden. Zeit für Eure Mutter und mich an Programm und Ablauf der Aktion zu basteln.

Derweil stößt sich die nächste Debatte an: Wer passt hier eigentlich auf? Eure Mutter und ich sind uns ausnahmsweise einmal einig, daß bei einem solchen Projekt wahrscheinlich nicht die Kinder, sondern eher die Eltern zum Problem werden können. Sonst haben wir hinterher mehr Kapitäne als Matrosen an Bord – das kann nicht gut sein. Wir sind uns sicher: Am besten bekommen wir das alleine hin und fortan bedanken wir uns brav für alle Angebote uns vor Ort zu unterstützen und verweisen gleichzeitig auf die nicht unabdingbare Notwendigkeit. Von Seiten derjenigen Eltern, die uns etwas näher kennen kommen irgendwann die Anfragen: „Ihr wollt das alleine machen, oder? Und die Aufpasser-Angebote sitzt ihr aus?“ Und wenn wir gemeinsam aussitzen, sind wir unschlagbar. Irgendwann hören die Nachfragen auf und zwei Wochen vor dem Trip sind wir uns einig: „Sie haben es verstanden!“

Aber da lockt auch schon die nächste Herausforderung: Die Religionslehrer der Schule laden alle Kinder der beiden vierten Klassen zur Abschiedsshabbat-Feier ein. Der Pandemie geschuldet natürlich online als Zoom-Meeting, aber just an dem Freitag um 18Uhr, wo wir mittags nach der Schule in Richtung Klassenfahrt aufbrechen. Also setze ich einen großen iMac mit auf die Liste der erforderlichen Gegenstände und kaufe zwei Pizzasteine für die Gasgrills damit ihr Challot backen könnt. Jetzt kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen.

Challot backen geht auch auf einem Campingplatz, Juni 2021, Leukermeer, NL

Eine Woche vorher entbrennt dann noch eine Diskussion ob jeder Junge während der Shabbat-Feier eine Kippa tragen muss. Man ist sich einig, daß die Gruppe auf gar keinen Fall als jüdisch auffallen sollte und ich gehe davon aus es gibt entsprechende Instruktionen der Eltern an ihre Kinder. Jedenfalls herrscht große Besorgnis, die sich erst beruhigt, als die Religionslehrer Mützen akzeptieren und ich versichere den Pavillon unter dem ihr sitzt entsprechend mit Seitenteilen sichtschutzmäßig zu versorgen.

Ja, und dann war sie auf einmal einfach da: Die Klassenfahrt! Ein ganzes Wochenende haben rund zwanzig Kinder erst ihre Zelte (fast) alleine aufgebaut, mussten gar nicht ununterbrochen beaufsichtigt werden, sind nicht ertrunken, nicht verloren gegangen, waren viel zu lange auf, haben unser Boot nicht verwüstet und hatten offensichtlich ein wunderbares Wochenende.

Klassenfahrt auf dem Bananenboot, Juni 2021, Leukermeer, NL

Und seitens der Eltern scheint es auch nicht so furchtbar zu sein, daß wir das in Eigenregie durchgezogen haben. Davon stand zumindest nichts auf der Karte mit dem Geschenk, welches wir ein paar Tage später bekommen haben. Dafür auch hier nochmal ein Herzliches Dankeschön.

Ach ja, zum Thema nicht als jüdisch auffallen, haben die Kinder dann ihren ganz eigenen Lösungsansatz entwickelt: Freitag kurz vor 18Uhr donnert mehr als ein Duzend Kinder über Strand und Pool und krakeelt nicht gerade klanglos: „Wir haben Shabbat. Kommt alle her!“

Angriff war immer schon die beste Verteidigung, oder wie es Eure Mutter immer so schön formuliert: „Opfer waren wir lange genug.“

Shabbat Shalom.

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.

Der 118./ 66. Monat – Unspektakulär

Der Mai ist schon fast beunruhigend rundum ruhig. Zwei Ausflüge zum Boot, die größtenteils verregnet sind, reißen Euch verständlicherweise nicht direkt vom Hocker.

Endlich wieder reiten, Mai 2021, Düsseldorf, D

Sarah Sophie genießt ihr ganz persönliches Highlight: Endlich wieder reiten; das freut dich riesig, ändert aber alles nichts an dem Umstand, daß „Unspektakulär“ die Vokabel des Monats ist.

Es gibt so Zeiten. Das muss man wohl einfach akzeptieren.

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.

Der 116./ 117. – 64./ 65. Monat – Wer, wann, und vor allem: Mit Wem?

Die Reisemöglichkeiten in den Frühlingsferien sind überschaubar. Frankreich und Italien sind nahezu abgeriegelt, womit die Auswahl etwas schwer fällt. Überraschend fällt mein Vorschlag wieder in die Schweiz zu fahren auf fruchtbaren Boden. Das mag möglicherweise damit zusammenhängen, daß Eure Mutter zu Beginn der ersten Ferienwoche zwei Tage in Altötting zu tun hat und wir das sozusagen auf dem Weg im „vorbeifahren“ erledigen können. In Sarah Sophies Schule herrscht große Aufregung als durchsickert, daß offenbar mehrere Familien Auslandsaufenthalte planen. Sämtliche Eltern werden aufgefordert Erklärungen abzugeben, was jeweils in den Ferien geplant ist. Individuelles Skifahren im eigenen Camper in der Schweiz geht offenbar noch so grade akzeptiert durch und uns wird schulseitig schöne Ferien gewünscht. Ob das bei den Spanien- und Dubai-Varianten in der Klasse auch so ist, weiß ich nicht, bemerkenswert finde ich das alles allerdings schon. Ein Jahr Corona hinterlässt definitiv überall Spuren bizarrer Art.

Also fahren wir am ersten Ferienwochenende in Richtung Bayern wo wir im Hotel die einzigen Gäste sind, was Euch nicht weiter stört, da ihr den Hund des Besitzers „temporär adoptieren“ dürft. Der sitzt sogar beim Frühstück mit am Tisch.

Adoptivhund, März/ April 2021, Altötting, D

Hier ist es Ende März so dermaßen warm, daß uns ernste Zweifel kommen 300km weiter südwestlich im Schnee zu sitzen. Sitzen wir aber dann wirklich und alles ist gut.

Ihr beide erinnert Euch natürlich an die arktischen Temperaturen aus den Winterferien. Da war es gerne mal -20° und Skifahren nicht mehr der ganz so bevorzugte Freizeitvertreib. Das sieht jetzt anders aus. Nichtsdestotrotz verhandelt Sarah Sophie bereits am ersten Abend, nicht auf den Berg zu müssen, wenn es zu kalt ist. Ein weiteres Argument sind die drei Hunde von Katja aus Berlin, die nebst Tochter Angelina in den kommenden Tagen ebenfalls hier einlaufen. Gegen zwei Labradore und einen Cockerspaniel komme ich natürlich nicht an – das leuchtet ein.

Leo dreht das kurzerhand um und verkündet selbstbestimmt: „Papa, dann gehen eben nur die Jungs auf den Berg! Für die Mädchen ist das ja viel zu kalt!“ Eure Mutter wird geschlechtsbedingt ungefragt inkludiert. Damit ist die Sache abgemacht und wird auch genauso schnell wieder vergessen. Leo besucht wieder die Skischule und Sarah Sophie fährt mit uns. Das geht ein paar Tage gut und es herrscht bestes Ski- und Snowboardwetter. Dann kommen die Berliner und ein Wetterbericht mit bewölktem Himmel für den kommenden Tag.

Nahezu automatisiert erinnert Leo seine Schwester an besagte Vereinbarung und es entbricht eine leidenschaftliche Debatte zwischen Euch beiden wer jetzt wann, mit wem wohin zu gehen hat und vor allem: Wer eben nicht. Ich verliere relativ schnell den Überblick und gehe davon aus alleine zu fahren. Sofern ich das Geschehen in Summe doch noch korrekt interpretiere möchte Leo auf jeden Fall mit mir alleine fahren, Sarah Sophie sich aber nicht von Dir vorschreiben lassen eben genau das nicht zu tun, gleichzeitig im Tal bleiben und doch auf den Berg. Möglichst alles gleichzeitig oder so ähnlich.

Am kommenden Morgen scheint doch die Sonne und während Leo seiner Schwester einzureden versucht, sie habe doch gestern versichert heute nicht auf den Berg zu wollen, ziehst Du dir deinen Snowboardanzug an, selbstverständlich nicht ohne leidenschaftlich verbal dagegen zu steuern. Eure Mutter und ich haben längst aufgehört in dieser Diskussion irgendeinen Sinn erahnen zu wollen und beschränken uns darauf in zehnminütigen Intervallen daran zu erinnern, daß Leos Skischule um 10Uhr beginnt. Wir sind uns einig Schnaps am Morgen kann keine Lösung, aber derzeit durchaus ein probates Hilfsmittel zur Erhaltung einigermaßen funktionierender elterlicher Nervenkostüme sein. Da wir nichts hochprozentiges an Bord haben erwähne ich rein deeskalierend „Der nächste Shop ist nur 3 Minuten zu Fuß entfernt.“

Wir schaffen alkohollos die Talstation zu erreichen, Leo ist pünktlich in der Skischule und Eure Mutter und ich sind mächtig stolz auf uns.

Am nächsten Morgen, nach einer durchschneiten Nacht, genau das gleiche Drama, lediglich mit dem Unterschied, daß jetzt die Sonne wirklich nicht scheint und Leos Skikurs beendet ist. Nach einem knapp einstündigem Diskurs unter Austausch vergleichbarer Argumente wie gestern, gibt Eure Mutter an Eides Statt bekannt heute nicht fahren zu wollen, weil ihr das sonnenlos doch nicht so richtig Spaß macht. Sarah Sophie klingt sich sofort ein und Leos Welt ist wieder heile. Die Jungs gehen alleine auf den Berg und gleiten auf feinstem Neuschnee dahin.

Wer, wann, und vor allem: Mit wem?, März/ April 2021, Samnaun, CH

Kurz vor dem Mittagessen reißt oben die Wolkendecke auf und es scheint die Sonne. Das melde ich mittels gesendetem Foto und als Leo und ich uns, zum Mittagspicknick, auf die Decke vor dem Skidepot plumpsen lassen sind Eure Mutter und Sarah Sophie schon da.

Sarah Sophie, Cami, Bella und Nastia, März/ April 2021, Samnaun, CH

Ach ja, Katja, Angelina und die Hunde haben sie zur Sicherheit gleich mitgebracht.

Worüber haben wir eigentlich zwei Tage diskutiert?

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.

Der 115./ 63. Monat – Purim und ein Männerhaushalt

Eure Mutter hat eine ganze Woche Präsenztermine im bayerischen Schongau. Das ist derzeit schon überraschend genug aber just in diese Woche fällt die Onlinevariante von Sarah Sophies Wechselunterricht. Im Februar diesen Jahres gehst Du wöchentlich wechselseitig zur Schule, damit jeweils nur die halbe Klasse in der Schule hockt. Damit fällt dann zwar, im Vergleich zu reinem Homeschooling, noch mehr Unterricht aus, aber unsere konsequent inkonsequente Kultusministerin möchte momentan gerade mal das ausprobieren. Man dürfte verstehen, was ich davon halte, aber das nur am Rande.

Jedenfalls hast Du dir überlegt, Home- zu Hotelschooling umzufunktionieren und möchtest mit. Das findet Eure Mutter natürlich genauso großartig wie ich unsinnig, legt aber noch einen oben drauf. „Wir starten da schon um sechs Uhr morgens, dafür habe ich dann früher frei. Ich habe mit dem Kunden gesprochen, da gibt es ein Rodelgebiet in der Nähe. Und einen Praktikanten der Sarah Sophie da hinfährt haben wir auch schon. Noch Fragen?“ Fettestes Grinsen inklusive. Wie groß die theoretische Möglichkeit ist Dir dagegen eine Woche am heimischen Schreibtisch schmackhaft zu machen, habe ich gar nicht erst überlegt, sondern lasse mir lediglich die Umstände absegnen, daß Du jeden Morgen alleine zum Frühstück musst und dann pünktlich, um Neun, im Hotelzimmer vor dem iPad sitzt. Ich glaube so etwas wie „Papa, wo ist da das Problem?“ zu vernehmen und erwähne der Vollständigkeit halber Deine Heldentat von voriger Woche in der Du ein Schulmeeting innerhalb von einer halben Stunde mal eben vergessen hast. Schlagfertige Reaktion deinerseits: „Papa, das warst doch du Schuld, da dein Wecker nicht geklingelt hat. Da verlasse ich mich ja drauf.“ Ups, und ich habe doch tatsächlich geglaubt der ausgedruckte Wochenplan einen halben Meter in Sichthöhe vor Deiner Nase könnte diese Aufgabe auch erledigen.

Klarer Fall von väterlichem Versagen, das muss ich wohl einsehen. Du legst aber nach: „Das kann mir dann im Hotel ja gar nicht erst passieren. Also das mit dem auf Dich verlassen.“ Klingt irgendwie logisch und ich sehe selbstredend ein, daß es an der Zeit ist hier langsam mal den Widerstand aufzugeben. Projekt beschlossen, Koffer packen und ab gehts.

Leo und ich allein zu Hause heißt vor allem eins: Es ist unfaßbar ruhig. Und wir haben gefühlt irrwitzig viel Zeit. Und wie es sich für einen anständigen Männerhaushalt gehört, wird hier ordentlich geschludert.

Jeden Abend schauen wir sowohl zu viele als auch zu lange Zeichentrickfilme auf der Leinwand. Sarah Sophie ist so langsam aus dem Alter raus wo ich sie mit meiner Sammlung analoger Zelluloidfilme in 8 und 16mm begeistern kann, Leo dafür aber mittendrin. Janoschs Traumstunde konkurriert derzeit mit Tom und Jerry. Zur Sicherheit schauen wir einfach beides, jeden Tag abwechselnd. Damit Du nach dem Toben im Schlafzimmer nicht unnötig ins Kinderzimmer musst, beschließen wir das Du lieber direkt bei mir schläfst. Und das Abendessen darfst Du Dir in Ermangelung einer Schwester natürlich auch ganz alleine aussuchen. Ja, es gibt nicht zu selten möglicherweise nicht ganz so gesunde Sachen, aber ich bin mir ganz sicher, daß der Koch im Kindergarten dies jeden Mittag gewissenhaft kompensiert. Deine Großeltern kennen ihn persönlich, das macht es noch glaubwürdiger. Und jeden Tag nach dem Kindergarten müssen wir noch in den Zoopark damit an der Baustelle weiter gearbeitet werden kann. Steine dafür sammeln wir immer unterwegs ein. Wie entspannt es mit nur einem Kind ist, habe ich irgendwie vergessen, genieße es aber derzeit in vollen Zügen.

Und dann war da noch die Sache mit Purim. Leo kramt die Verkleidungskiste mehrfach komplett durch und landet schließlich – genauso wie im vergangenen Jahr – beim Bienenkostüm und summt fröhlich durch die Gegend. Die übliche Feier in der Synagoge und Purim on ice im hiesigen Eisstation fallen natürlich pandemiebedingt wieder aus, dafür feiert ihr Kindergartengruppenintern inklusive Liveübertragung für die verzückte Elternschaft zuhause.

Purim-Biene, Februar 2021, Düsseldorf, D

Da das Ganze auf einen Freitag fällt, ist der Kindergarten früher zu Ende und wir haben mehr Zeit für die bereits erwähnte Baustelle. Die nimmt nämlich derzeit einen ungemein wichtigen Stellenwert in Deiner Wahrnehmung ein. Und wegen dieser Wichtigkeit kannst Du dich auch nicht umziehen und eine fleißige Biene werkelt mit frisch „gefundenen“ Wackersteinen umher. Ich habe Pause und werde auf die daneben stehende Parkbank beordert. Es gibt Schlimmeres.

Fleißige Biene – auch zu Purim auf die Baustelle, Februar 2021, Düsseldorf, D

Natürlich bleibt es den anderen, hier spielenden, Kindern nicht verborgen, daß hier offenkundig jemand das Ende vom rheinischen Karneval vor gut einer Woche verpasst hat und immer noch im Ornat gekleidet umherwuselt. Es entsteht eine kuriose Kommunikation, der ich schmunzelnd schweigend lausche da ja auf die Parkbank verbannt.

Ein Junge: „Karneval ist vorbei. Du darfst dich nicht mehr verkleiden.“
Leo: „Warum?“
Der Junge: „Das hat meine Mutter gesagt.“
Wieder Leo: „Heute ist Purim, deshalb bin ich die Biene Maja.“
Darauf der Junge: „Die Biene Maja ist ein Mädchen, der Junge heißt Willi. Also bist du die Biene Willi. Was ist Purim?“
Leo mittlerweile sichtlich genervt davon, daß ihn hier jemand von der Arbeit abhält, antwortet pampig: „Purim ist nur was für Juden. Außerdem bin ich die Biene Maja. Frag meinen Vater wenn du mir nicht glaubst.“

Daraufhin wendet sich der Junge zu seiner Mutter, die ebenfalls auf der Bank sitzt und fragt sie: „Mama was sind Juden? Und warum ist bei denen die Biene Maja ein Junge?“

Und da ist sie wieder die bekannte deutsche Schockstarre sobald jemand das Wort „Jude“ auch nur ausspricht. „Das erkläre ich dir zu Hause, komm jetzt wir müssen gehen.“ ist die Antwort, nicht ohne aber peinlich berührt an mir vorbei zu sehen.

Leos Reaktion: „Gut das der weg ist, der wußte ja gar nichts. Papa ich weiß aber was wir jetzt machen: Wir gehen zur Bude ein Überraschungsei kaufen. Wie heißt das nochmal wenn man immer wieder etwas macht?“

„Tradition“ entgegne ich. Wieder Leo: „Genau Tradition. Und zur Bude gehen wir immer, wenn wir hier sind. Und Purim ist auch Tradition. Dann kaufen wir besser zwei Überraschungseier.“

Das nenne ich mal schlüssig. Und zwar ganz traditionell.

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.

Der 114./ 62. Monat – Schweizer Empfehlung

Winterferien sind gleichbedeutend mit Skifahren. Das war all die Jahre so, gestaltet sich aber diesmal etwas anspruchsvoller. Corona-bekanntlich sind Skipisten europaweit zu Winterbeginn erst einmal alle dicht. Je weiter es in Richtung Jahreswechsel geht, desto variantenreicher werden die individuellen Lösungen. Da darf man dann in Österreich Ski fahren, sofern man Österreicher ist und kein Hotel braucht, in Frankreich sind zwar ebendiese in allen Skigebieten geöffnet, nur dummerweise die Lifte nicht und in Deutschland herrscht bekannte Gründlichkeit und alles ist geschlossen. In Italien ebenso. Die Stornierung unseres ursprünglich reservierten Campingplatz in Tirol flattert uns bereits Anfang Dezember ins Haus.

Zwischenzeitlich laden uns Freunde sogar zum Weihnachtsfest ein, sollten wir doch zuhause sein. Wir wirken also verzweifelt – es muss etwas passieren und das führt uns in die Schweiz. Genauer gesagt nach Samnaun in Graubünden. Für die Schweiz entfällt eine Quarantäne sofern man aus einer Region kommt die eine nicht deutlich höhere Inzidenz als sie selbst hat und das veröffentlichen die Eidgenossen auf einer Liste, die ab sofort das meist aufgerufene Objekt im heimischen Internet ist. Sarah Sophie fragt jeden Morgen bereits beim Frühstück: „Und, stehen wir drauf?“ Wir stehen nicht und packen zusammen. Spannend finde ich in diesen Tage die immer wieder gehörte Frage: „Dürft ihr das denn überhaupt?“ Wahrscheinlich machen wir uns bei vielen Leuten gänzlich unbeliebt, da wir die „Empfehlung nicht zu verreisen“ ignorieren, behandeln sie als das was ist – eine „Empfehlung“ – und empfehlen uns dringend Bergluft. Wir finden tatsächlich noch einen freien Platz auf einem Campingplatz, was ich Mitte Dezember schon für beachtenswert an sich halte, wird aber durchaus von den Erfahrungen der kommenden Tage und Wochen locker getoppt. Von allerlei Seiten bekommen wir Videos gemailt, die immer das gleiche zeigen: Riesig lange Schlangen wartender Alpinisten. Meist verbunden mit der Frage: „Wollt ihr Euch das wirklich antun?“

Wir wollen und melden Euch für Ski- bzw. Snowboardkurs an und fahren gemeinsam mit der Gondel nach oben. Und zwar nur wir vier gemeinsam. Es ist einfach keiner da. Wir haben absolute Hochsaison und es ist gefühlt niemand hier. Leos Skigruppe besteht aus ganzen zwei Kindern und Sarah Sophie hat ihren Snowboardlehrer gleich lückenlos für sich alleine. Das ändert sich in der ganzen Zeit auch nicht. In zwei Wochen sind wir ein einziges Mal mit einem Fremden gemeinsam im Sessellift gefahren. Das entschädigt mehr als einmal für die geschlossene österreichische Seite des gemeinsamen Skigebietes.

EU-Grenze auf 2.872 Meter , Januar 2021, Samnaun, CH

Ja, und dann war da noch das ambivalente Verhältnis Eurer Mutter zu Schweizer Skilehrern bzw. Skilehrerinnen. Beruflich durchweg öfters in der Schweiz kommt sie jedesmal wieder nach Hause, ohne ihre ganz persönliche Gedultsmentalität schweizerisch adaptiert zu haben – die höfliche Umschreibung für „Die machen mich wahnsinnig!“ Natürlich geht es um Geschwindigkeit und Empathie. Alle sollen sich lieb haben und das braucht eben Zeit. Mütterliches Unverständnis ist hier sozusagen per Definition implementiert. Auf Leos Skikurs umgemünzt sieht das dann so aus:

Am ersten Tag juckelt ihr gemütlich am Übungslift umher und das bekommt Eure Mutter dummerweise auch noch mit. Mit eruptivem Engagement wird die betreffende Dame zur Rede gestellt, warum hier stundenlang am Idiotenhügel herumgegeistert wird, anstatt das vorhandene Pistenpotential gehörig auszunutzen. Die Antwort gleicht einem Schlag ins mütterliche Gesicht: „Der Kleine wollte lieber Schlepplift fahren. Das verstehen sie doch sicher.“ Das versteht bestimmt Leo, aber nicht Eure Mutter. Folglich wird Ski-Eva kurz eingenordet wie das hier in Zukunft zu funktionieren hat und der Kuschelkurs auf Skiern ist Geschichte. Mit dem Snowboardlehrer von Sarah Sophie spreche sicherheitshalber lieber ich um einem möglichen Landesverweis energisch entgegenzuwirken.

Wir dürfen bleiben. Leo macht ordentliche Fortschritte, das bleibt festzuhalten, wenngleich es für Eure Mutter natürlich alles viel zu lange dauert.

Gegen Mitte der Ferien wird es nachts mal gerne -25 Grad und auch tagsüber klettert das Thermometer meist nicht über die -15 Grad-Marke, was bei den Damen der Familie ein wenig die Laune am Skifahren einfrieren lässt. Wir einigen uns auf nur noch halbe Skitage und ab sofort gibt es des Öfteren ein nachmittägliches Alternativprogramm. Samnaun liegt unglücklicherweise in einer zollfreien Region, was wiederum die Shoppingauswahldichte deutlich über Normalmaß positioniert. Ich muss wahrscheinlich nicht explizit ausführen, was Sarah Sophie und Eure Mutter dann fast täglich treiben.

Und auf einmal ist das gar nicht mehr so schlimm, wenn es hier alles ein bisschen länger dauert, oder wie Leo es formuliert: „Papa, sie gehen schon wieder einkaufen!“

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.

Der 113./ 61. Monat – Der erste dritte Platz

Seit einige Zeit gibt es mal wieder etwas Neues, was Sarah Sophie unbedingt haben möchte, keinen Aufschub duldet und gefühlt täglich auf der Tagesordnung steht: Eine Sofortbildkamera.

Meine analogen Photogene schlagen sofort an und ich bekunde vollstes Verständnis für das avisierte Unterfangen. Eure Mutter hingegen hält das selbstverständlich für totalen Blödsinn und verweist auf die diversen vorhandene photographischen Apparaturen. Davon gibt es einige bei uns – das liegt wohl an mir – das gebe ich zu. Schlussendlich entbrennt eine genauso sinnlose wie leidenschaftliche Diskussion über einen kleinen, kultigen Integralfilm.

In den kommenden Tagen startest Du immer mal wieder unterschiedliche Versuche an das begehrte Gut zu kommen. Ich glaube als wir im Verhandlungsstand bei stabil zugesicherter Erfüllung unter Einbeziehung des kommenden Zeugnisses angelangt sind kommt die erlösende Nachricht per email. Deine Schule veranstaltet einen Chanukkia-Do-it-yourself-Wettbewerb für die dritten und vierten Klassen und einer der ausgelobten Gewinne ist just eine Sofortbildkamera, also sozusagen die Quadratur des Kreises, wir müssen nur noch gewinnen. Sofort ist Sarah Sophie Feuer und Flamme für das Projekt gibt aber zu bedenken, daß wir nicht zu gut sein dürfen, da ja der erste Preis ein Waveboard ist, was Du nun überhaupt nicht gebrauchen kannst, da bereits vorhanden.

Nein, wir müssen exakt den dritten Platz erreichen, denn hierfür gibt es das leidenschaftlich ersehnte Objekt der Begierde. Bleibt nur noch zu klären, wie eine sozusagen drittklassige Chanukkia zu bauen ist. Wir überlegen hin- und her und irgendwann entsteht die Idee eine Landkarte Israels auf ein Holzbrett zu pinseln, kleine Glasröhren sind die Kerzenhalter und an die unterschiedlichen Regionen des Landes kleben wir jeweils Photos aus diversen Urlauben. Damit lässt sich dann auch ordentlich pathetisch punkten da das Ganze natürlich auch beschrieben werden soll. Wir bestellen die notwendigen Utensilien und das Projekt gerät irgendwie ein bisschen in Vergessenheit, wahrscheinlich weil es noch mehrere Wochen bis zum Einsendeschluss hin sind. Weitreichende zeitliche Terminierung ist nicht so unser Ding.

Ein Tag vor besagtem Termin fällt Sarah Sophie nach dem Abendessen sowohl wünschenswerte Kamera als auch anstehender Wettbewerb wieder ein und es wird hektisch im Hause Reichmann. Ich durchforste meine Mails und bestätige die notwendige Abgabe am folgenden Tag. Wir haben 19:30 Uhr und stellen fest überhaupt keine Kerzen gekauft zu haben. Sarah Sophies Schlachtplan für die kommenden Stunden ist genauso zielorientiert wie beachtenswert: Sie malt die Landkarte, Leo schneidet die Photos aus und ich gehe Kerzen kaufen. Unter Zustimmung meinerseits gekoppelt an die Auflage geputzter Zähne bis zu meiner Rückkehr sehe ich zwei Kinder freiwillig gen Badezimmer entschwinden. Der Teil klappt also schonmal. Mittlerweile nur noch 20 Minuten bis zur nächsten Drogerie sind realistisch. Natürlich hat die eine der beiden bekannten Filialbetriebe keine passenden Kerzen im Angebot und ich schlüpfe – unter Protest der gerade die Tür schließen wollende Mitarbeiterin – in die alternative Mitbewerberaussenstelle.

Kerzen gesichert, zurück zum Basteln:

Hier hat Leo bereits fleißig ganze Arbeit geleistet und auch nur einen zu vernachlässigen Anteil der Photos unbrauchbar zerschnippelt. Ihr redet zumindest noch miteinander.

20:17 Uhr: Sarah Sophie malt fleißig an der Israelkarte. Als Vorlage hast Du Dir im Internet einen – politisch korrekten – Lageplan der Situation im Nahen Osten ausgesucht und zeichnest artig Gazastreifen, Westjordanland und den Golan in unterschiedlichen Farben ein. Mein liberales Herz ist entzückt, gebe aber um 20:30 Uhr nicht ganz ernstgemeint zu bedenken daß dies möglicherweise die Gewinnchancen schmälern könnte. Eine folgenschwere Bemerkung wie die nächsten Minuten zeigen:

20:31 Uhr: Lautstarkes Drama unter Aufkündigung jedweder familiärer Bindungen seitens meiner Tochter. Leo versteht weder Schwester noch Situation.

20:33 Uhr: Die Westbank wird kleiner, das Tote Meer größer und wir läuten eine Waffenruhe ein. Beide Seiten schweigen über die kommende halbe Stunde.

21:05 Uhr: Ich versuche den Nahostkonflikt kindgerecht in zehn Minuten zu erklären.

21:15 Uhr: Die Erklärung scheitert, dafür wird Jerusalem immer größer. Die Landkarte sieht zwar immer noch so aus wie vorher, wir einigen uns aber darauf daß Leo nun ins Bett muß und wir später weiter diskutieren.

21:35 Uhr: Leo schläft und wir kleben, wieder friedlich vereint, zusammen die Photos auf.

22:00 Uhr: Sarah Sophie geht viel zu spät ins Bett und ich montiere die Kerzenhalter und versetzte das Konstrukt in einen Tontopf mit Modellgips.

22:45 Uhr: Die Chanukkia steht ordnungsgemäß am Fenster. Es herrscht wieder Frieden im Land.

DIY-Chanukkia, Dezember 2020, Düsseldorf, D

Am kommenden Morgen mache ich ein Photo, schicke es an die angegeben Mailadresse und an irgendeinem Tag danach springst Du aus dem Schulbus und präsentierst voller Stolz eine himmelblaue Sofortbildkamera. Wir kaufen die passenden Filme und Du bist rundum glücklich.

Bereits am ersten Abend von Chanukka einigen wir uns darauf, daß ausschließlich wegen Deines genialen Einfalls mit den bewusst unterschiedlichen Farben es eben genau der dritte Platz geworden ist. Hättest Du ganz Israel mit allen Territorien in einer Farbe gepinselt, wäre es natürlich der erste Platz geworden, wir hätten jetzt ein Waveboard und der Nahostkonflikt wäre auch noch nicht gelöst.

1. Kerze Chanukka, Dezember 2020, Düsseldorf, D

Ja, und das nützt ja nun auch niemandem etwas – Chag Chanukka Sameach.

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.

Der 112./ 60. Monat – Schulschlamassel

Leo glänzt mit dem Umstand der späten Geburt, will heißen Du bist nach dem Stichtag 30. September eines Jahres geboren und kannst somit bereits mit fünf Jahren in die Schule, musst aber nicht. Für Deine Mutter steht dies, wenig überraschend, bereits seit Jahren fest, aber auch ich tendiere in letzter Zeit zu dieser Entscheidung, nicht zuletzt auf Grund des Umstandes, daß mir nach den Sommerferien Deine Kindergarten-Gruppenleiterin alle notwendigen Unterlagen für Deine Schulanmeldung in die Hand gedrückt hat, hübsch garniert mit den Worten: „Meldet ihn auf jeden Fall an, er dreht hier sonst durch!“ Die wahrscheinlich formkorrekte Übersetzung für „Leo muss hier raus.“ Das Ganze lassen wir uns von ihr nochmal in einem der üblichen Entwicklungsgespräche detailreich auseinanderlegen und ich vereinbare einen Termin in der gleichen Grundschule, die Sarah Sophie seit gut drei Jahren besucht.

Das ganze Spektakel ist reine Formsache, sowohl die Direktorin als auch die ebenfalls anwesende Klassenlehrerin Deiner Schwester bestätigen Deine Schultauglichkeit und alles scheint gut. Gäbe es da nicht diese kleine Einschränkung, eben wegen Deines Alters. Frau Schächter – die Direktorin – bemerkt zum Ende des Prozedere eine unwahrscheinliche, aber zu erwähnende Randnotiz: „Sollte es so kommen, daß die angepeilten drei ersten Klassen des künftigen Jahrgangs voll sind, würde für die sogenannten „Kann-Kinder“ keine weitere Klasse eröffnet, da dies die eindeutige Ansage des Schulträgers sei. Diese Kinder könnten ja weiterhin im Kindergarten bleiben.“ Zum allgemeinen Unverständnis: Sowohl Kindergarten als auch Schule befinden sie in Trägerschaft der jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Mit Rücksicht auf jedwede – egal wie niedrig anzusetzende – Etikette schreibender Umgangsformen verzichte an dieser Stelle ausdrücklich auf Wiedergabe einzelner Wortlaute der Reaktion Eurer Mutter auf diese Fußnote des Anmeldegespräch. Kumulierend erwägt sie selbstverständlich den sofortigen Austritt aus der Gemeinde. Beruhigend auf Eure Mutter wirkt selbstverfreilich ebenfalls nicht mein Einwand, daß das doch ein wohl sehr theoretischer und utopischer Möglichkeitsfall sein dürfte. Hilft alles nix – wir leben in Tagen größtmöglicher mütterliche Unruhe, oder anders ausgedrückt: Es muss etwas passieren, und zwar schnell.

In einer Nachbarstadt findet sich eine private, bilinguale Schule deren Webpräsenz Eure Mutter geradezu in euphorische Ekstase versetzt. Bilingual ist das Zauberwort. Ich kann gar nicht so schnell schauen, wie sie dort einen Termin vereinbart; jedenfalls sitzen wir keine drei Tage später zusammen mit Leo dort zur Anmeldung. Auch hier verläuft die Überprüfung von Leos Schultauglichkeit analog zur letzten Schule und bereits vor dem Abendessen haben wir die Zusage per email. Während eben diesem vereinbaren Eure Mutter und ich der Aufnahme zuzustimmen um auf jeden Fall sicherstellen zu können, daß Du dich nicht genötigt siehst nach dem nächsten Sommer den Kindergarten abzureißen. Wir überweisen den Aufnahmebetrag und für Eure Mutter steht ab jetzt eigentlich alles fest – für mich ist das Plan B.

In den nächsten Wochen ploppt das Thema immer mal wieder auf, da da ja noch ein paar Kleinigkeiten zu beachten wären. Gehen wir mal – positiv denkend – davon aus, daß irgendwann dieses Corona-Virus nicht mehr unser aller Alltag bestimmt, führt das zwangsweise zu dem Umstand, Eure Mutter nicht mehr so häufig zu Hause zu haben oder anders ausgedrückt: Ich muss Euch alleine organisieren können. Eine Schule mit einen Anfahrtsweg von 30-40 Minuten plus der daraus resultierenden Rückfahrt meinerseits und das zweimal täglich sind ein Argument. Also zumindest für mich, Eure Mutter verhandelt derweil bereits mit einem örtlichen Taxiunternehmen.

Und dann setzt Leo noch einen drauf!

Du singst unaufhörlich. Laut, schief und ausnahmslos auf Hebräisch. Deine Mutter wittert selbstverständlich sofort religiöse Indoktrinierung seitens des Kindergarten. Schlagartig verliert die hiesige Schule an Boden. Bekanntlich ist Religion für Eure Mutter überhaupt kein Problem, solange sie nicht selbst in die Synagoge muss. Einen Tag später bekommt sie vom Kindergarten auch noch Leos künstlerische Ausarbeitungen der vergangenen jüdischen Feiertage überreicht und das Faß läuft sprichwörtlich über, als Leo uns allen fröhlich seine Bildwerke erklärt. Nahezu so dermaßen Festtags-korrekt, daß selbst Sarah Sophie kaum intervenieren kann. Jeder Rabbiner wäre sicherlich verzückt – Eure Mutter schaut lieber nochmal nach ob die laizistische Schule wirklich so weit weg ist.

Die endgültige Entscheidung auf welche Grundschule Du nun gehst, haben wir sicherheitshalber auf nächsten Februar vertagt, da bekommen wir nämlich Bescheid von der hiesigen Schule und das hilft dem Familienfrieden der kommenden Monate ungemein.

Schulschlamassel, November 2020, Düsseldorf, D

In der Zwischenzeit disputieren wir lieber darüber, auf welches Gymnasium Sarah Sophie ab dem nächsten Jahr geht, denn da sind wir uns ebenfalls uneingeschränkt uneinig. Manchmal fällt mir in diesen Tagen der Witz von dem gestrandeten Juden auf der einsamen Insel ein. Der wird nach seiner Rettung gefragt, warum er denn zwei Synagogen gebaut hat, wo er doch ganz alleine auf der Insel ist.

Der antwortet dann völlig entrüstet: „Die eine ist für mich. Die Zweite ist die, in die ich niemals gehen würde!“

Paßt irgendwie, oder?

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.